Strauss: ELEKTRA

TRAGÖDIE IN EINEM AUFZUG

Vollständiges Libretto

Frei nach Sophokles hat Hugo von Hofmannsthal ein modernes, psychologisches Trauerspiel gestaltet, das Richard Strauss - unmittelbar nach Salome - zu seiner zweiten einaktigen Tragödie inspirierte
Die von Hofmannsthal schon Jahre zuvor - vergeblich - angebotene Zusammenarbeit entwickelte sich rasch, als Strauss die von Max Reinhardt inszenierte Aufführung des Stücks in Berlin sah.
Für die musikdramatischen Zwecke steuerte der Dichter noch einige Verse bei. Die zentrale Szene der Auseinandersetzung zwischen der Titelheldin und ihrer geistig zerrütteten Mutter Klytämnestra bewog Strauss in ihrer drastischen Schilderung der Seelennöte der von Schlafstörungen und Gewissensbissen gepeinigten Frau zu den kühnsten harmonischen Experimenten, die er je wagte.
Auf die dissonante Harmonik und die schiere Gewalt des orchestralen Fortissimos, entfesselt von 115 Orchestermusikern angesprochen, entgegnete der Komponist bajuwarisch gemütlich:

Jo mei, wann auf der Bühne a Muatta derschlog'n wird, kann i im Orchestergraben koa Violinkonzert dazu spielen lassen.


Die Opern-Symphonie

Allen Dissonanzen zum Trotz ruht Elektra - sogar mehr noch als Salome - auf einem geradezu archaisch einfachen, klaren Gerüst von Grundtönen.

Das Werk beginnt mit einem der berühmtesten d-Moll-Akkorde jenseits von Mozarts Don Giovanni - doch ist die Grundtonart der Oper, oder jedenfalls die Tonart, auf die das gesamte Geschehen zusteuert C-Dur.
Mägde (Klytämnestra)
A - H - F

Die Grundtöne A, H und F, die in der Eingangsszene der Mägde dominieren, gehören der Welt Klytämnestras zu und kehren in deren Szene wieder. Hier stehen sie für das trostolose Leben im Palast und eine Atmosphäre der Unterdrückung.

Elektra
B - C - (E)

Nach dem Abgang der Mägde gehört die Szene den Töchtern. Elektras Monolog kreist um die Grundtöne C und B - mit einem kurzen Aufleuchten der Tonart E-Dur gegen Ende, die in einer bedeutsamen Reprisenwirkung unmittelbar vor Elektras Zusammenbruch im ekstatischen Finale wiederkehren wird. Elektras Gedanken kreisen um den Mord am Vater, die Hoffnung auf eine visionäre Wiederbegegnung mit ihm (eine lyrische As-Dur-Episode) und um die Rachegedanken. Der Höhepunkt des Monologs mit der Vision vom Triumph über die Mörder des Vaters bringt einen euphorischen Ausbruch in C-Dur - die erste große Manifestation der Zieltonart der Oper.

Chrysothemis
Es-Dur

Der »Lichtgestalt« der Oper, Chrysothemis, die ihre ältere Schwester von ihren Rachegelüsten abbringen möchte und zu einem menschlichen Leben in Unterordnung unter das neue Regime des Ägisth überreden möchte, ist die Tonart Es-Dur zugeordnet. Sie bildet zwei auch tonal klar definierte Inseln der harmonischen Entspannung, zwischen denen sich die zentrale Begegnung von Mutter und Tochter ereignet - und damit eine der harmonisch kühnsten Szenen der gesamten Operngeschichte.

Klytämnestra
a - h - f

Klytämnestra und Elektra leben seit dem Mord an Agamemnon und der Machtübernahme durch Ägisth getrennt. Elektra ist nicht gewillt, sich der neuen Ordnung zu unterwerfen - die Mutter wiederum ist von Ängsten und Ahnungen geplagt, ihre Alpträume sind schlimmer als die quälende Schlaflosigkeit davor. Sie hat ihren Sohn Orest an einem fernen Ort aufziehen lassen - Elektra wartet auf seine Rückkehr. Nur der älteste Mann der Familie darf seiner Verpflichtung nachkommen, Blutrache zu üben.

Kyltämnestra versucht von ihrer »weisen« Tochter ein Mittel gegen ihre Träume zu erfahren - welches Opfer muß gebracht werden, zu welcher Stunde? Elektra weiß die Antwort:

Was bluten muß?
Dein eigenes Genick!
...
Dann träumst du nicht mehr

...
Und wer dann noch lebt,
der jauchzt
und kann sich seines Lebens freu'n.

Wieder bricht der gewaltige C-Dur-Akkord über die Szene herein - die Vision der Erlösung weicht einem Schreckensszenarium: Botinnen stürzen mit Fackeln herein und flüstern Klytämnestra etwas zu. Die bricht in hysterisches Lachen aus und geht mit triumphierender Geste ab.

Chrysothemis
Es-Dur

Elektra bleibt ratlos zurück: Worüber freut sich das Weib? Da erscheint Chrysothemis heulend mit der Lösung des Rätsels. Boten haben die Nachricht überbracht, daß Orest in der Fremde gestorben sei. Noch einmal versucht sie Elektra von ihren Rachegedanken abzubringen. Doch die ist nun überzeugt, selbst ans Werk gehen zu müssen. Da Chrysothemis jede Beteiligung am Mord an der eigenen Mutter abwehrt, geht sie allein daran, das Beil auszugraben, mit dem Ägisth einst Agamemnon erschlagen hat.

Orest
d - As - B - C

Ein fremder Mann erscheint im Palasthof. Elektra versucht ihn abzuwehren, doch beharrt er darauf zu wissen, wer sie sei - und gibt sich schließlich als Bruder Orest zu erkennen. In einem gewaltigen mischen sich sämtliche Gefühle, Erinnerungen, Emotionen, die sich in Elektra über Jahre angestaut haben zu einer gewaltigen Explosion, der eine sanft-ekstatische, geschwisterliche Liebesmusik folgt.

Strauss' Tonarten-Dramaturgie kommt hier voll zur Entfaltung: Orest erscheint zu einer Mixtur aus jenen beiden Tonarten, die Agamemnon zugehören, doch bisher in der Oper nur kurz aufgeleuchtet haben: Am Beginn und in der lyrischen Episode von Elektras Monolog. Nun werden sie (die Reprise des großen symphonischen Satzes hat längst begonnen) groß ausgeführt und münden in Elektras Erlösungs-Tonarten B-Dur und C-Dur.

Die Erkennungsszene ist eingefaßt von zwei kurzen Episoden in F-Dur: Vor Chrysothemis' Abgang war ein Diener erschienen, um aus dem Stall ein Pferd zu holen: Er will Ägisth benachrichtigen und reitet davon. -- Als Orest von den alten Dienern, die ihn erkennen, ins Haus geholt worden ist und die Todesschreie Klytämnestras verhallt sind, erscheint Ägisth - Elektra komplimentiert ihn in falscher Ergebenheit zur Tür. Auch er wird Opfer des Attentats.

Elektras Todestanz
E-Dur - C-Dur
Elektra ist in Ekstase und tanzt sich zu Tode. Von ihrer Umgebung nimmt sie nichts mehr wahr:

Ob ich die Musik nicht höre?
Sie kommt doch aus mir.

Richard Strauss hat seine Tonarten-Architektur bis in die kleinsten Facetten der Partitur durchgehalten. Wenn Chrysothemis über die entsetzlichen Lebensbedingungen im Palast klagt - wie Stein ist alles - dann tut sie das in der Moll-Farbe ihrer Tonalität: Es. Eben jener es-Moll-Akkord, der für die »Versteinerung« schiebt sich im Schlußtakt der Oper der Oper, »kadenzierend« unmittelbar zwischen die beiden C-Dur-Akkorde - rhythmisch übrigens in genauer Spiegelung des Opern-Beginns mit dem zerlegten d-Moll-Akkord. Von chthonischer Vollkommenheit - wie die Textvorlage - ist auch die musikalische Architektur der Elektra.

↑DA CAPO